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Was wir verlieren, wenn wir nicht mehr für das sorgen, was uns nährt

Als das Wasser ausblieb

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Es regnet. Nach 20 Wochen Trockenheit fühlt sich Regen an wie ein Wunder. Jeden Tag habe ich gehofft, gebangt, den Regenradar studiert. Und irgendwann gab ich das Hoffen auf. Ich wußte: Es wird kein normaler Sommer. Vielleicht nie mehr. Das ist Dürre. Und ein Weckruf.

Wir sind zwölf Häuser auf 600 Metern im Mostviertel, gespeist von einer Quelle, von der niemand weiß, wie lange sie noch sprudeln wird. Seit Mai gilt Wassersparen als Gesetz – als Vorsichtsmaßnahme. Gartengießen verboten.

Ein Garten im Ausnahmezustand

Mein Grundstück ist ein Südhang voll alter Fichten – alle gefährdet durch den Borkenkäfer. Also begann ich aufzuforsten, vorsichtig, falls ein trockener Sommer kommt: 45 Büsche letztes Jahr, 25 heuer und dazu 20 Bäume. Meine Regenwasserzisterne schien bisher genug. Bis dieser Sommer kam.

Anfang Juni war die Zisterne leer. Ein Tankwagen füllte sie – ein kurzer Moment der Sicherheit.

Ab da wurde Wasser zum zentralsten Element meines Alltags. Ich weiß jetzt, was „Wassermanagement“ bedeuten kann: Jeder Tropfen zählt.

Duschen in Schüsseln

Dass der Wasserhahn stets nur halb und kurz aufgedreht wird, versteht sich von selbst. Wasch- und Geschirrspüler wird nur knackvoll gestartet, ein Teller und ein Kleid auch öfter verwendet. In meiner Abwasch steht eine blaue Waschschüssel, in dem ich Hände, Gemüse und Kleinzeug wasche. Man glaubt gar nicht, wieviel nur mit Pritschelwasser zusammenkommt: täglich 3-4 Schüsseln á 10 Liter, selbst als Single-Haushalt.

Beim Duschen stehe ich mit zwei Beinen in drei Eimern. Inzwischen schaffe ich es, mit 25-30 Liter auszukommen und das nur alle paar Tage – es lebe Bidet und Waschlappen. Auf Seife verzichte ich, damit die Pflanzen das Wasser bekommen können. Haare wasche ich mit biologischem Shampoo in der Badewanne – und schöpfe das Wannenwasser in die Gießkannen.

Wenn ich dann abends mit Taschenlampe Gießkanne für Gießkanne aus dem Haus schleppe, hoffe ich, dass niemand glaubt, ich würde unser Quellwasser verwenden. Leider redet mich niemand darauf an – dann könnte ich es wenigstens erklären…

Stille Pflanzen-Triage

Jeden Morgen gehe ich durch meinen Garten wie durch ein Feldlazarett: wer am lautesten nach Wasser ruft bekommt eines. Alle anderen müssen durchhalten. Mein Wasser muss reichen. Egal wie lang. Denn die Feuerwehr gibt kein Wasser mehr aus für Pools oder englischen Rasen. Entnahme aus Flüssen ist verboten – sie sind sowieso nur noch knöchelhohe, glitschige Suppe.

Plötzlich rumpelt es in meiner leeren Regentonne. Ein Eichhörnchen war hineingestürzt auf der verzweifelten Suche nach Wasser – am Boden war noch ein kleiner Bodensatz. Ich lasse es trinken und befreie es. Waldbauern bringen inzwischen Wasser in den Wald für die Tiere, weil sie verdursten.

Bauern in großer Not

Vielleicht schaffe ich es nicht, meine Pflanzenbabys durchzubringen. Aber es sind „nur“ Pflanzen. Die Bauern hingegen verlieren gerade ihre Tiere. Sie haben kein Futter mehr, weil auf den Weiden nichts mehr wächst. Die Viecher irren umher auf der Suche nach einem Zupferl Gras. Die Vorräte für den kommenden Winter wurden vielerorts bereits aufgebraucht. Viele haben ihre Tiere bereits zum Schlachter angemeldet, weil sie sie nicht mehr ernähren können. Doch der nächstmögliche Abholtermin zur Schlachtung ist erst in drei Wochen. Die Schlachthöfe und Kühlhallen sind überfüllt. Der Fleischpreis purzelt ins bodenlose, weil zu viel Angebot.

Wenn das Biobauernherz blutet

Niederösterreich hat am 6. August behördlichen Notstand verhängt – und damit eine Ausnahme im Katastrophenfall erlassen: Bio-Betriebe dürfen nun konventionelles Grundfutter verfüttern (bis zu 30 % des Jahresbedarfs) – falls sie welches bekommen. Denn die Futterbörsen sind leergefegt. Viele holen sich das Futter von weit weit her. Mit dem Traktor – und mehreren tausend Liter Diesel. Ökologisch nicht mehr darstellbar, wie es ein Bio-Bauer verzweifelt beschreibt. Sein Biobauernherz blutet.

Manche haben noch gefüllte Brunnen oder Speicherteiche. Viele fahren täglich zur Feuerwehr und holen Wasser vom Hydranten. Eine Milchkuh braucht 100 Liter pro Tag. Ein Vollerwerbsbetrieb mit 60 Kühe braucht mindestens 6 Kubikmeter täglich – über 40 Badewannen.

Futter zukaufen ist teuer. 270 Tonnen Silomais für 20.000 Euro. Wer jetzt nicht versichert ist, hat ein Problem. Und wer seine Kühe verkaufen muss – hat nächstes Jahr ein Problem, weil er seine Einkommensquelle gerade zum Schlachter bringen musste. Viele kleinere Betriebe werden ihre Existenz verlieren.

Unser Essen ist in Gefahr

Es sind aber die Bauern, die unsere Lebensmittel produzieren – nicht der Supermarkt! Wenn es sie nicht mehr gibt, gibt es nichts zu Essen, was aus unseren eigenen Regionen kommt und wir verlieren unsere Versorgungssicherheit. Dann importieren wir. Und dann werde wir abhängig. Und verlieren unsere Ernährungssouveränität, unsere Freiheit und Selbstbestimmtheit.

Und wir verlieren unserer Kulturlandschaft. Denn ohne Tiere keine Almen, keine Weiden. Was bleibt dem Tourismus?

Ich frage mich: wie will ich leben? Und in mir bäumt sich alles auf: So nicht!!!!

Lange Zeit dachte ich, unsere Alpenregion sei der zukunftssicherste Platz der Welt in Sachen Wasser. Ein Irr-Narrativ.

Die Wissenschaft geht nicht von einem Einzelsommer aus. Es wird bleiben. Und es betrifft uns alle. Nicht nur meine Pflanzenbabys.

Anpassung statt Ursachenlösung

In der öffentlichen Diskussion ist vorrangig von „Anpassungsleistungen“ die Rede: Klimaanlagen in Schulen, Entschädigungen für Bauern, klimaresiliente Bäume (die vielleicht in 10 Jahren Schatten geben – falls sie es bis dahin schaffen).  

Von den Ursachen spricht niemand. Von den Emissionen, die wir reduzieren müssen. Als wäre das Spiel schon gegessen. Prima, dann brauchen wir die heißen Eisen wenigstens nicht mehr anfassen: die fossile Verbrennung. Die Öllobbyisten stoßen mit Schampus an.

Was es bräuchte, wäre eine Schubumkehr. Stattdessen fliegen wir mehr Urlauber als je zuvor in Destinationen, die längst japsen unter der Last der Touristenmassen. Tausende Tonnen CO2 für jeden Flug.

Corona hat gezeigt: Vollbremsung ist möglich. Kein Flugzeug am Himmel. Weil ein politischer Wille da war.

Und dennoch gilt es, die eigene Verantwortung nicht nach oben abzuwälzen (und umgekehrt) – wir brauchen beides. 

Die tiefere Wahrheit

Wir nutzen unsere Erde wie Konsumenten. Wir be-nutzen ihre Ressourcen, die sie uns schenkt. Aber wir geben nichts zurück. Wir kümmern uns nicht um sie, wir hüten ihre Schönheit nicht. Wir brauchen sie nur für ein Selfie.

Wir lieben unsere Erde nicht mehr. Denn wo Liebe ist, da ist Fürsorge. Die Erde hat uns zu dienen. Aber wir, wir dienen dem Leben nicht mehr. Wir sind keine Hüter:innen des Lebens mehr. Denn: Hüter:innen des Lebens hüten, was sie nährt. 

Der Schubs

Für welche Bereich der Erde übernimmst du Fürsorge und Verantwortung? Worum kümmerst du dich? Wo bist du Hüter und Hüterin des Lebens? Und wo lässt du das Leben unachtsam verkümmern, verdursten? Wo nimmst du und und wo gibst du?

  • Schreib es uns an kontakt@wiewollenwirleben.at
  • Schreib es unten in die Kommentare.
  • Schick uns ein Video (maximal 2 Minuten)
  • Schick uns deine Zukunftsgeschichte, wie du leben möchtest und was du dafür schon erfolgreich ins Leben gerufen hast?
  • Oder erzähle es uns davon am Montag, 31.8.2026 um 19 Uhr, bei unserem Online-Dialog zum Thema „Wasser“.
    -> Anmeldung:
    kontakt@wiewollenwirleben.at

Am 18.8. regnete es eine Nacht bei uns. Und man konnte förmlich zusehen, wie die Natur einen Hauch grün bekam. Es ist berührend, wie viel Wochen Dürre uns die Erde verzeiht – und unsere Fehler versucht wieder gutzumachen. Wie lange noch? 💚

Am 31.8.2026 haben wir einen Online-Dialog zum Thema „Wasser“ veranstaltet -> hier geht’s zum Nachbericht

Der nächste Online-Dialog findet am 12. Oktober 2026 um 19 Uhr statt. 
Anmeldung: dialog@wiewollenwirleben.at

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