Womit ich in Resonanz gehe
Der Versuch, uns in Gleichklang zu versetzen
Musik, Literatur, Kunst und gute Gesprächsrunden vermögen es ganz besonders, meine Eigenschwingung zu verstärken, mich hochzuschaukeln, mich in Begeisterung zu versetzen. Ich habe nachgeforscht, womit ich in Resonanz gehe, wie ein Dirigent das sieht und was wir davon auf unser gesellschaftliches Zusammenwirken übertragen können.
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20 Perspektiven auf ein Buch
Seit etwa 16 Jahren bin ich Mitglied der Leserunde der Buchhandlung Heyn in Klagenfurt. Rund alle zwei Monate treffen sich etwa 20 Menschen und tauschen sich über ein aktuelles Buch aus. Nach einem Essen, das passend zum Thema vom Buchhändler-Ehepaar liebevoll gekocht wird, erzählen wir reihum, was das Buch mit uns gemacht hat. Jedesmal bin ich überrascht, welche unterschiedlichen Perspektiven und Erkenntnisse aus ein und demselben Text gewonnen werden, je nach dem, in welcher Verfassung der/die Lesende gerade ist und welche Erinnerungen aus dem eigenen Leben durch die fiktiven Geschichten hochgespült werden. Das Einander-Zuhören, Aufnehmen- und so Stehenlassen-Können ist in diesem vertrauten, geschützten Resonanz-Raum wohltuende Selbstverständlichkeit. Bereichert um viele neue Gedanken und Ideen lese ich manchmal ein Buch gleich ein zweites Mal, dann mit besonderem Augenmerk auf jene Passagen, auf dich ich erst im gemeinsamen Dialog aufmerksam geworden bin.
Einmal ging es zum Beispiel um den Roman “Für Polina” von Takis Würger, einem Autor, den die meisten, ich inklusive, noch nicht kannten. Diese geradlinig erzählte Liebesgeschichte hatte ausnahmslos alle bis ins Herz ergriffen, was auch mit großer Offenheit geteilt wurde. Wir waren alle der Meinung, dass Zeiten großer Umbrüche solche Geschichten brauche, die Hoffnung schenken, weil die geschilderten Menschen aufeinander Acht geben, weil Talente erkannt und gefördert, weil Anderssein und Außenseitertum akzeptiert werden. In dem Werk dreht sich alles um die bewegende Kraft der Musik, die der Autor so kunstvoll in Worte fasst, dass die geschilderten Melodien geradezu hörbar werden.
Nur Atem und Ohr
Eine Aufführung der Marienvesper von Claudio Monteverdi beim Carinthischen Sommer hinterließ mich wortwörtlich sprachlos. Von meinen Begleitern erbat ich nach dem Konzert, eine halbe Stunde nicht reden zu müssen. Warum hier ein derart bewegendes Gesamtkunstwerk gelang, war mehreren Komponenten zu verdanken: Das spätgotische Kirchenschiff der Stadtpfarrkirche Villach bot den Musiker*innen und Sänger*innen den idealen Raum zur Entfaltung der Klangpracht und allen Anwesenden eine schützende Hülle. Dirigent Johannes Hiemetsberger nutzte den Altarraum als Zentrum der Aufführung, verteilte die hervorragenden Solist*innen und Chor aber auch in den Seitenschiffen, auf der Orgelempore und, für den Echoeffekt, sogar in der Sakristei. Unglaublich, wie gut die Interpreten aufeinander hörten, damit der große musikalische Bogen dieses über 400 Jahre alten und zugleich zeitlosen Meisterwerkes auch über die großen Distanzen gelang. Da tönte es aus allen Richtungen des Himmels, in dessen Sphären uns die Musik erhob. Wie kostbar sind mir Momente wie diese, wenn die Hundertschaft der Zuhörer*innen zu einem Atem, zu einem Ohr wird! Es dauerte lange, bis das gemeinsame Innehalten nach dem Finale in zuerst zaghaften, dann frenetischen Applaus mündete, der Gestaltende und Zuhörende in großer Dankbarkeit verband.
"Wie in Höhlen rund um Feuerstellen"
Was ich im oben geschilderten Konzert und in vielen anderen Aufführungen immer wieder erfahren habe, beschreibt Markus Poschner, unter anderem neuer Chefdirigent des RSO Wien, in einem Interview für das Magazin der Wiener Staatsoper (Auszüge):
Markus Poschner: „Ich wage eine steile These: Vor zehntausenden Jahren, als wir in Höhlen rund um Feuerstellen gesessen sind, haben wir gegessen, getrunken, gesungen und getanzt. Daraus ist dieses große Zusammengehörigkeitsgefühl durch Gemeinschaft entstanden. Eine Identität! Ein einzigartiger Zusammenhalt. All das hat vermutlich auch erst unser Überleben als Menschheit ermöglicht. Diese archaische und emotionale Erfahrung ist immer noch in uns prinzipiell angelegt. Daher ist eine Aufführung, ein kulturelles Event, nach wie vor ein hochkomplexer und beinahe spiritueller Vorgang.“
Das bedeutet, dass wir, egal ob rund um das Steinzeit-Lagerfeuer oder heute im Musikverein, eine Verbundenheit suchen und erzeugen?
MP: „Es geht um Resonanz. Es geht darum, sich nicht allein zu fühlen, aufgehoben zu sein, zu räsonieren, sich als Gesellschaft, als ein Partikel in einem größeren Zusammenhang zu spüren. Das hat durchaus auch etwas Kultisches. Nicht umsonst ist eine Aufführung der Dramaturgie eines Gottesdienstes ähnlich. Es braucht Stille, es gibt Übereinkünfte, es hat etwas mit Inszenierung zu tun, das Publikum folgt andächtig einem Geschehen, und der Altar, sprich der Bühnenraum, ist hell erleuchtet. Was wir machen, ist der Versuch, uns in einen Gleichklang zu versetzen. Ähnlich wie vor tausenden Jahren, als Schamanen dies versucht haben. Kultur ist eine ideale Möglichkeit, mit unserem Gegenüber verbunden zu sein, also mit anderen Menschen – und mit sich selbst, jenseits aller Barrieren und Hürden.
Das allein ist über reine Alltagssprache unmöglich zu erreichen. Über die Kunst – und da besonders die Musik – aber betreten wir eine Welt hinter der Welt, eine Meta-Welt. Musik ist ja so etwas wie eine Meta-Sprache, die uns ergriffen macht und magisch in ihren Bann zieht. Und darum ist ein Konzert, eine Aufführung immer auch eine archaische Handlung, die uns überhaupt erst zu Menschen werden lässt, weil wir plötzlich verstehen, was wir sonst nicht begreifen würden. Sie merken, ich bin ein sehr großer Kulturoptimist. Denn das, was ich zu beschreiben versuche, wird immer eine große Rolle spielen, wenn es darum geht, uns selbst spüren zu können und mit uns selbst verbunden zu sein.“
Seine eigene Stimme entfalten
Dieses Gefühl, sich als Teil der Gesellschaft als „Partikel in einem größeren Zusammenhang zu spüren“, wie Markus Poschner das oben beschreibt, erfahre ich auch, wenn ich mit Menschen in gutem Austausch bin. Das geschieht nicht nur in der Heyn-Leserunde, sondern in vielen Zusammenkünften, die ich teills selbst (mit)organisiert habe. Sei es ein Stammtisch für die Nachbar*innen in meiner Wohnanlage, Runde Tische in Gemeinden, Schulen oder Vereinen oder bei einem soziokratisch ausgerichteten Lebensmittelmarkt. Es ist ganz schön viel, was du als Partikel ausrichten kannst, wenn du vom reinen Mitschwinger zu demjenigen wirst, der das Thema selbst vorgibt.
Wie meint der Soziologe Hartmut Rosa in einem Interview mit BR2? „Wenn zwei Instrumente, etwa Klavier und Geige, miteinander in Resonanz treten, dann bedeutet das, dass jedes in seiner Eigenfrequenz spricht und auf das andere reagiert. Ich meine mit Resonanz eine Beziehung zur Welt, in der man einerseits offen ist um sich berühren zu lassen, vielleicht ergreifen zu lassen, aber andererseits auch selber seine eigene Stimme entfalten kann und damit etwas oder jemanden erreichen kann in der Welt.“
Mehr Anregungen für eigene Beiträge in der Welt findest du auch in diesem Beitrag: Wie Begegnung auf Augenhöhe gelingen kann.
Der Schubs
Womit gehst du in diesem Beitrag in Resonanz? Und womit gar nicht? Wo und wann bist du mit dir im besten Gleichklang und was braucht es für dich, um das auch mit deiner Mitwelt zu sein? Schreibe uns dazu und/oder sei in unserem Online-Resonanzraum am 12. Oktober um 19.00 Uhr dabei. Anmeldung: dialog@wiewollenwirleben.at