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Womit ich in Resonanz gehe

Der Versuch, uns in Gleichklang zu versetzen

Musik, Literatur, Kunst und gute Gesprächsrunden vermögen es ganz besonders, meine Eigenschwingung zu verstärken, mich hochzuschaukeln, mich in Begeisterung zu versetzen. Ich habe nachgeforscht, womit ich in Resonanz gehe, wie ein Dirigent das sieht und was wir davon auf unser gesellschaftliches Zusammenwirken übertragen können. 

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Foto von Josep Molina Secall auf Unsplash

20 Perspektiven auf ein Buch

Seit etwa 16 Jahren bin ich Mitglied der Leserunde der Buchhandlung Heyn in Klagenfurt. Rund alle zwei Monate treffen sich etwa 20 Menschen und tauschen sich über ein aktuelles Buch aus. Nach einem Essen, das passend zum Thema vom Buchhändler-Ehepaar liebevoll gekocht wird, erzählen wir reihum, was das Buch mit uns gemacht hat. Jedesmal bin ich überrascht, welche unterschiedlichen Perspektiven und Erkenntnisse aus ein und demselben Text gewonnen werden, je nach dem, in welcher Verfassung der/die Lesende gerade ist und welche Erinnerungen aus dem eigenen Leben durch die fiktiven Geschichten hochgespült werden. Das Einander-Zuhören, Aufnehmen- und so Stehenlassen-Können ist in diesem vertrauten, geschützten Resonanz-Raum wohltuende Selbstverständlichkeit. Bereichert um viele neue Gedanken und Ideen lese ich manchmal ein Buch gleich ein zweites Mal, dann mit besonderem Augenmerk auf jene Passagen, auf dich ich erst im gemeinsamen Dialog aufmerksam geworden bin. 

Einmal ging es zum Beispiel um den Roman “Für Polina” von Takis Würger, einem Autor, den die meisten, ich inklusive, noch nicht kannten. Diese geradlinig erzählte Liebesgeschichte hatte ausnahmslos alle bis ins Herz ergriffen, was auch mit großer Offenheit geteilt wurde. Wir waren alle der Meinung, dass Zeiten großer Umbrüche solche Geschichten brauche, die Hoffnung schenken, weil die geschilderten Menschen aufeinander Acht geben, weil Talente erkannt und gefördert, weil Anderssein und Außenseitertum akzeptiert werden. In dem Werk dreht sich alles um die bewegende Kraft der Musik, die der Autor so kunstvoll in Worte fasst, dass die geschilderten Melodien geradezu hörbar werden.

Musik fasziniert mich schon mein Leben lang, auch in Buchform ...

Nur Atem und Ohr

Eine Aufführung der Marienvesper von Claudio Monteverdi beim Carinthischen Sommer hinterließ mich wortwörtlich sprachlos. Von meinen Begleitern erbat ich nach dem Konzert, eine halbe Stunde nicht reden zu müssen. Warum hier ein derart bewegendes Gesamtkunstwerk gelang, war mehreren Komponenten zu verdanken: Das spätgotische Kirchenschiff der Stadtpfarrkirche Villach bot den Musiker*innen und Sänger*innen den idealen Raum zur Entfaltung der Klangpracht und allen Anwesenden eine schützende Hülle. Dirigent Johannes Hiemetsberger nutzte den Altarraum als Zentrum der Aufführung, verteilte die hervorragenden Solist*innen und Chor aber auch in den Seitenschiffen, auf der Orgelempore und, für den Echoeffekt, sogar in der Sakristei. Unglaublich, wie gut die Interpreten aufeinander hörten, damit der große musikalische Bogen dieses über 400 Jahre alten und zugleich zeitlosen Meisterwerkes auch über die großen Distanzen gelang. Da tönte es aus allen Richtungen des Himmels, in dessen Sphären uns die Musik erhob. Wie kostbar sind mir Momente wie diese, wenn die Hundertschaft der Zuhörer*innen zu einem Atem, zu einem Ohr wird! Es dauerte lange, bis das gemeinsame Innehalten nach dem Finale in zuerst zaghaften, dann frenetischen Applaus mündete, der Gestaltende und Zuhörende in großer Dankbarkeit verband.   

Ein weiteres atemberaubendes Konzert in der Stadtpfarrkirche Villach mit Il Giardino Armonico

"Wie in Höhlen rund um Feuerstellen"

Was ich im oben geschilderten Konzert und in vielen anderen Aufführungen immer wieder erfahren habe, beschreibt Markus Poschner, unter anderem neuer Chefdirigent des RSO Wien, in einem Interview für das Magazin der Wiener Staatsoper (Auszüge): 

Markus Poschner: „Ich wa­ge ei­ne stei­le The­se: Vor zehn­tau­sen­den Jah­ren, als wir in Höh­len rund um Feu­er­stel­len ge­ses­sen sind, ha­ben wir ge­ges­sen, ge­trun­ken, ge­sun­gen und ge­tanzt. Dar­aus ist die­ses gro­ße Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl durch Ge­mein­schaft ent­stan­den. Ei­ne I­den­ti­tät! Ein ein­zig­ar­ti­ger Zu­sam­men­halt. All das hat ver­mut­lich auch erst un­ser Ü­ber­le­ben als Mensch­heit er­mög­licht. Die­se ar­chai­sche und e­mo­tio­na­le Er­fah­rung ist im­mer noch in uns prin­zi­pi­ell an­ge­legt. Da­her ist ei­ne Auf­füh­rung, ein kul­tu­rel­les E­vent, nach wie vor ein hoch­kom­ple­xer und bei­na­he spi­ri­tu­el­ler Vor­gang.“

Das be­deu­tet, dass wir, e­gal ob rund um das Stein­zeit-La­ger­feu­er o­der heu­te im Mu­sik­ver­ein, ei­ne Ver­bun­den­heit su­chen und er­zeu­gen?

MP: „Es geht um Re­so­nanz. Es geht dar­um, sich nicht al­lein zu füh­len, auf­ge­ho­ben zu sein, zu rä­so­nie­ren, sich als Ge­sell­schaft, als ein Par­ti­kel in ei­nem grö­ße­ren Zu­sam­men­hang zu spü­ren. Das hat durch­aus auch et­was Kul­ti­sches. Nicht um­sonst ist ei­ne Auf­füh­rung der Dra­ma­tur­gie ei­nes Got­tes­diens­tes ähn­lich. Es braucht Stil­le, es gibt Ü­ber­ein­künf­te, es hat et­was mit In­sze­nie­rung zu tun, das Pu­bli­kum folgt an­däch­tig ei­nem Ge­sche­hen, und der Al­tar, sprich der Büh­nen­raum, ist hell er­leuch­tet. Was wir ma­chen, ist der Ver­such, uns in ei­nen Gleich­klang zu ver­set­zen. Ähn­lich wie vor tau­sen­den Jah­ren, als Scha­ma­nen dies ver­sucht ha­ben. Kul­tur ist ei­ne i­de­a­le Mög­lich­keit, mit un­se­rem Ge­gen­über ver­bun­den zu sein, al­so mit an­de­ren Men­schen – und mit sich selbst, jen­seits al­ler Bar­rie­ren und Hür­den.

Das al­lein ist über rei­ne All­tags­spra­che un­mög­lich zu er­rei­chen. Ü­ber die Kunst – und da be­son­ders die Mu­sik – aber be­tre­ten wir ei­ne Welt hin­ter der Welt, ei­ne Me­ta-Welt. Mu­sik ist ja so et­was wie ei­ne Me­ta-Spra­che, die uns er­grif­fen macht und ma­gisch in ih­ren Bann zieht. Und dar­um ist ein Kon­zert, ei­ne Auf­füh­rung im­mer auch ei­ne ar­chai­sche Hand­lung, die uns ü­ber­haupt erst zu Men­schen wer­den lässt, weil wir plötz­lich ver­ste­hen, was wir sonst nicht be­grei­fen wür­den. Sie mer­ken, ich bin ein sehr gro­ßer Kul­tur­op­ti­mist. Denn das, was ich zu be­schrei­ben ver­su­che, wird im­mer ei­ne gro­ße Rol­le spie­len, wenn es dar­um geht, uns selbst spü­ren zu kön­nen und mit uns selbst ver­bun­den zu sein.“

"Mu­sik ist wie ei­ne Me­ta-Spra­che, die uns ma­gisch in ih­ren Bann zieht." Foto: Pexel/Lucas Zenande

Seine eigene Stimme entfalten

Dieses Gefühl, sich als Teil der Gesellschaft als „Partikel in einem größeren Zusammenhang zu spüren“, wie Markus Poschner das oben beschreibt, erfahre ich auch, wenn ich mit Menschen in gutem Austausch bin. Das geschieht nicht nur in der Heyn-Leserunde, sondern in vielen Zusammenkünften, die ich teills selbst (mit)organisiert habe. Sei es ein Stammtisch für die Nachbar*innen in meiner Wohnanlage, Runde Tische in Gemeinden, Schulen oder Vereinen oder bei einem soziokratisch ausgerichteten Lebensmittelmarkt. Es ist ganz schön viel, was du als Partikel ausrichten kannst, wenn du vom reinen Mitschwinger zu demjenigen wirst, der das Thema selbst vorgibt.

Wie meint der Soziologe Hartmut Rosa in einem Interview mit BR2? „Wenn zwei Instrumente, etwa Klavier und Geige, miteinander in Resonanz treten, dann bedeutet das, dass jedes in seiner Eigenfrequenz spricht und auf das andere reagiert. Ich meine mit Resonanz eine Beziehung zur Welt, in der man einerseits offen ist um sich berühren zu lassen, vielleicht ergreifen zu lassen, aber andererseits auch selber seine eigene Stimme entfalten kann und damit etwas oder jemanden erreichen kann in der Welt.“

Mehr Anregungen für eigene Beiträge in der Welt findest du auch in diesem Beitrag: Wie Begegnung auf Augenhöhe gelingen kann.

Der Schubs

Womit gehst du in diesem Beitrag in Resonanz? Und womit gar nicht? Wo und wann bist du mit dir im besten Gleichklang und was braucht es für dich, um das auch mit deiner Mitwelt zu sein? Schreibe uns dazu und/oder sei in unserem Online-Resonanzraum am 12. Oktober um 19.00 Uhr dabei. Anmeldung: dialog@wiewollenwirleben.at

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