Resonanzraum
„In Klänge eintauchen, die man nicht proben kann“
Die Salzburger Dirigentin Elisabeth Fuchs über ihr musikalisches Erweckungserlebnis, Diktatur und Demokratie bei der Orchesterprobe und Musik als Energiespender
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Schön, dass wir heute miteinander reden können.
Elisabeth Fuchs: Wenn wir aufhören zu reden, ist es vorbei mit jedem Miteinander. Ich habe im Orchester Leute aus der Ukraine und aus Russland, Leute von überall aus der Welt. Wir müssen miteinander reden, wenn wir miteinander spielen wollen. Es geht in Gemeinschaften darum, wie wir mit Krisen umgehen. Die einzige Wahrheit finden wir nicht, aber wir müssen miteinander leben. Dieses ganze Schwarz-Weiß bringt nichts. Wir müssen Farbe hineinbringen.
Wie gelingt Dir dieses Miteinander im Orchester? Ich habe ja in mir noch das Bild vom strengen Kapellmeister à la Karajan abgespeichert.
Man hat da 80 Leute im Orchester sitzen, alle getrimmt auf Perfektion, Tempo und der gelernten Absicht, in kürzester Zeit zu einer perfekten Interpretation einer Sinfonie zu kommen – ohne Fehler und mit superschönen Farben. Da kommt man ganz schnell in ein sehr funktionelles, diktatorisches Fahrwasser. Ich beobachte mich ja selbst seit 25 Jahren, was ich für Entwicklungsschübe durchgemacht habe. Vor 25 Jahren war ich crazy. Ich war noch in alten Mustern drinnen und total unreflektiert, hab kein Gegenüber wahrgenommen. Wenn man mit 22 Jahren anfängt zu dirigieren und voll unsicher ist, kann man keine demokratischen Dialoge zulassen.
Im Orchester gibt es aber eine Hierarchie.
Ja, und zwar: Dirigentin, Konzertmeisterin, Stimmführer bei Geige, Bratsche, Cello, Bass, Erste Flöte, Erste Oboe. Das sind meine Abteilungsleiter, meine Keyplayer, und von denen habe ich ungefähr 14 im Orchester, und da spüre ich immer ganz genau, wie die drauf sind. Und die Kommunikation muss flüssig diese Struktur hinauf und hinunter laufen. Wenn irgendwo bei den Oboen etwas nicht rund läuft, dann muss die erste Oboe das mit den anderen Oboen klären. Wenn das nicht funktioniert, dann wird das Problem nach oben delegiert zu mir. Dann muss ich das machen. Das wirkt dann diktatorisch und stresst alle.
Diese Hierarchie wirkt vertraut und ist nicht zu ändern, oder?
Ich habe jetzt etwas anderes gemacht. In meinem Büroteam habe ich zehn Leute und da mache ich jedes Jahr zumindest ein Personalgespräch, mit jeder Einzelnen. Im Orchester aber nicht, wie mir aufgefallen ist. Du meine Güte, ich kann ja nicht – je nach Besetzung – mit bis zu 120 Musiker:innen einzeln reden. Und dann dachte ich: warum nicht? Und das habe ich dann gemacht. Das erste Mal. Eine ganze Woche habe ich nur mit den einzelnen Musikern geredet. Ich habe mir jeden und jede angehört und das war toll. Da sind richtig gute Sachen gekommen.
Hast Du eine Vision von Deinem Orchester? Wie sehr kennen deine Leute diese Vision?
Ich hab früher bei den Proben recht hart gefragt: warum gibst du nicht dein Bestes in der ersten Probe? Mich hat das geärgert, wenn die Leute schlecht vorbereitet gekommen sind. Dann wurde diskutiert: naja, wir haben eh drei Proben und bis zur Aufführung schaffen wir das doch. Ja schon, aber stell Dir vor, wir alle würden bei der ersten Probe bestmöglich vorbereitet kommen, jeder würde die Partitur gelesen haben, dann fangen wir doch ganz woanders an. Wo wir dann bei der Aufführung sein könnten! So war das mit mir und meinem Perfektionismus. Und das Unglaubliche war, dass nach den persönlichen Gesprächen die Leute plötzlich ganz anders vorbereitet zu den Proben gekommen sind. Es war fantastisch.
Ist das Deine Vision? Bestmögliche Vorbereitung.
Die Vorbereitung ist eine Vorbedingung. Was ich will: mit dem Orchester in Klänge eintauchen wie in ein unbekanntes Meer. Klänge, die wir noch gar nicht geprobt haben, die man vielleicht gar nicht proben kann. Klänge, die andere Orchester nicht ergründen können, weil sie gar keine Zeit dafür haben. Wir aber haben die Zeit dafür, wir könnten das erschaffen. Das ist meine Vision und die habe ich allen noch einmal gesagt.
Ist das Dein Zugang zu Musik? – eintauchen in etwas Magisches.
Ich werde ganz oft gefragt, wie ich das schaffe, dass ich so viel leiste und arbeite, so viele Aufführungen, die Arbeit mit Kindern, auch im Büro. Die Musik ist es, die mir Energie gibt. Sie nimmt mir nichts, sie gibt mir. Ich hab auch erst verstehen müssen, dass ich da einen Überschuss an Energie habe, der andere Menschen ängstigt. Ich habe gemerkt, die Musik gibt mir unendlich viel.
Musik ist ja ein sakraler Raum.
Ja, und ich bete und meditiere vor jedem Konzert und mache da eine energetische Glocke über mein Orchester und ich gehe energetisch jeden einzelnen im Orchester durch. Da spüre ich immer ganz genau, wer besonders nervös ist und dann schenke ich denen mehr Energie und dann gehe ich weiter und dann gehe ich in den ganzen Saal und was ich auch seit zehn Jahren mache, ich gehe dann über die Konzertsaalgrenzen raus und versuche einfach diese Musik als Geschenk in die Welt zu schicken.
Die Leitfrage unserer Plattform ist „Wie wollen wir leben?“ und ist das, was Du sagst, ist vielleicht eine Antwort? Musik erfüllt und gibt Kraft und daher brauchen wir Musik.
Darum mache ich Talentwettbewerbe und ganz viel Kinder- und Jugendförderung. Kunst – das macht den Menschen aus und deswegen muss die Kunst maximal gefördert werden, mehr noch als Bildung, weil die Kunst macht den Menschen.
Wie sieht die Kinderförderung aus?
Jedem Kind eine Blockflöte! Das ist eine Aktion, die ich 2023 initiiert habe. Es kann doch nicht sein, dass so viele Menschen herumlaufen und sagen: ‚Wie schade, dass ich nie ein Instrument gelernt habe.“ Eine Blockflöte mit einem ersten Notenheft kostet 20 Euro. Ich habe Sponsoren aufgetrieben und dann hat jedes Volksschulkind eine Blockflöte geschenkt bekommen. Wir dürfen das Musizieren den Kindern nicht verwehren.
Du hast auch mit Blockflöte begonnen?
Ja, und dann Oboe und Klavier. Ich hab viel ausprobiert, auch Schlagzeug, weil ich in den Schlagzeuger einer Band verliebt war. Und ich hab den ganzen Tag gesungen oder gepfiffen. Alles sehr zum Leidwesen meiner Schwester, bis wir dann getrennte Zimmer bekommen haben.
Und so bist Du in die Musik hineingewachsen?
Ich hatte mit 16 ein Erweckungserlebnis. Da habe ich in einem Jugendchor unter Franz Welser-Möst die Matthäus Passion gesungen. Großes Orchester und Chor. Der Sänger singt: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“. Dann singt der Chor „Wenn ich einmal scheiden muss“. [Anm.: Lisi Fuchs singt während des Interviews die Melodien]. Das London Symphonic Orchestra und wir, der Schulchor aus Linz. Der Welser-Möst hat sich das so eingebildet, dass wir singen sollen und hat 120 Pubertierende in einen Bus gesetzt, damit sie in London singen. Ich bin dafür ewig dankbar. Ich habe die Musik tief in mir gespürt. Eine Gotteserfahrung.
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Der Schubs im Sinne von Lisi Fuchs: Probier es mit Blockflöte. Dafür ist es nie zu spät. Oder Du bastelst Dir Dein eigenes Schlagzeug (wie Frau Fuchs es gemacht hat – siehe Foto)