Resonanzraum
Ich kannte niemanden. Dann begannen wir zu jodeln.
Was hat ein Dreigesang mit Demokratie zu tun? Drei verschiedene Stimmen finden zueinander und werden zu einem gemeinsamen Klang. Vielleicht liegt darin auch eine Antwort auf die Frage, wie Zusammenleben gelingen kann. Eine persönliche Erfahrung über das Singen, das Zuhören und über das Wunder, sich verbunden zu fühlen, ohne sich zu kennen.
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Ich kam zu spät. Als ich die Tür ins Wirtshaus öffnete, saßen die anderen bereits in der Gaststube um den Tisch. Ich kannte niemanden. Keine Namen, keine Geschichten, keine Herkunft, keine Berufe. Ich wusste nicht, wer welche Partei wählt, wie viel Geld jemand verdient oder welche Sorgen die Menschen mitgebracht hatten.
Ich sagte kurz Hallo. Dann begannen wir zu singen. Zu Jodeln. Drei Stunden lang.
Mal sangen alle dieselbe Melodie, mal teilten wir uns in Gruppen auf und jodelten einander wie in einem Dialog an. Eine Stimme begann, eine andere antwortet. Stimmen stiegen übereinander, legten sich nebeneinander und fanden wieder zusammen.
Es war kein Vorsingen, kein Wettbewerb, keine Leistungsschau. Niemand wurde bewertet. Niemand musste gut sein. Wir waren einfach Menschen, die gemeinsam sangen.
Und etwas Erstaunliches geschah. Aus Fremden wurde für einen Abend Gemeinschaft. Wir erhoben unsere Stimmen – und mussten uns gleichzeitig zuhören. Jeder Part war anders und doch Teil eines gemeinsamen Klanges. Am Ende löste sich alles in einem harmonischen Dreiklang auf. Vielleicht ist das eine kleine Lektion für eine große Frage unserer Zeit.
Vom Urteil zum gemeinsamen Erleben
Wir reden viel über Spaltung. Über politische Gräben, unterschiedliche Weltbilder und darüber, was uns voneinander trennt. Wir diskutieren, argumentieren und suchen nach Konzepten und Schuldigen. Dabei übersehen wir vielleicht etwas sehr Einfaches: Menschen brauchen gemeinsame Erfahrungen. Nicht dieselbe Meinung. Nicht dieselbe Herkunft. Nicht dieselben Werte. Sondern Momente, in denen sie etwas miteinander tun – als Menschen, statt als Vertreter irgendeiner Gruppe.
Am Land weiß man das ganz selbstverständlich: Bei der Feuerwehr, bei der Blasmusik, im Chor, im Sportverein. Vielleicht fehlt uns ganz das heute.
Das Wunder des Singens
Beim gemeinsamen Singen ist es ähnlich. Man braucht keinen Lebenslauf und muss seine Zugehörigkeit nicht beweisen. Man singt einfach. Egal wie gut. Hauptsache gemeinsam. Und plötzlich entsteht etwas, das sich wie Nähe anfühlt. Fremde werden für einen Moment zu einem Wir. Ein Moment der Verbundenheit. Die kollektive Synchronisation. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des Singens.
Wissenschaftliche Untersuchungen zum gemeinsamen Musizieren zeigen, dass Musik soziale Verbundenheit auch körperlich beeinflussen kann. Im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele 2025 stieg z.B. der Oxytocin-Spiegel bei Musiker:innen und Zuhörenden deutlich an, ähnlich wie beim Küssen oder sexueller Nähe. Musik schafft Verbindung – im Körper messbar, im Herzen spürbar (DIE ZEIT – 10.6.2025).
Auch bein Chorsingen spricht die Wissenschaft immer wieder von der „social Connectedness“.
Der Anthropologe Robin Dunbar sieht im gemeinsamen Singen sogar eine wichtige ursprüngliche Funktion: Musik war ein Mittel sozialer Verbundenheit und kann größere Gemeinschaften zusammenhalten, soziale Kohäsion herstellen, also den sozialer Kitt.
Wer als Jugendlicher bei den Pfadfindern war und nachts im Wald gemeinsam gegen die Angst vor der Dunkelheit angesungen hat, kennt das: sich gemeinsam Mut ansingen.
Drei Stimmen – ein Klang
Besonders deutlich wird dieses Prinzip beim Dreigesang. Viele glauben, Jodeln sei kompliziert oder nur für Geübte. Doch die Jodellehrerin Maria Kapellari (stimmenspiel.at) erklärt es anders:
„Der Dreigesang beim Jodeln beruht auf einer vertrauten Harmoniefolge, wie sie in Kinderliedern, Volksliedern unseres Kulturkreises vorkommt. Jeder kann sie mitsingen.“
Dabei singt nicht jeder dasselbe, es wird in verschiedenen Stimmen gesungen. Sie bewegen sich unterschiedlich aneinander vorbei, jede bleibt hörbar und wird zugleich Teil von etwas Größerem. Genau darin sieht auch Maria eine wichtige Botschaft: „Beim Dreigesang setzen wir der anderen Stimme etwas entgegen. Und dennoch dürfen alle Stimmen sein. Denn genau deshalb entsteht erst die eigentliche Harmonie. Und siehe da: es klingt gut. Würden alle dasselbe singen, gäbe es keine Mehrstimmigkeit.“
Einheit entsteht also nicht durch Gleichheit. Einheit entsteht dadurch, dass Unterschiede miteinander klingen. Vielleicht ist das sogar eine musikalische Form von Demokratie: Nicht alle haben dieselbe Stimme, aber alle Stimmen dürfen hörbar sein.
Als ich an diesem Abend das Wirtshaus wieder verließ, wusste ich noch immer kaum etwas über die Menschen, mit denen ich drei Stunden verbracht hatte. Ich wusste nicht, woran sie glauben oder wie sie die Welt sehen. Aber ich habe ihren Stimmen gelauscht. Und die Erfahrung gemacht, dass wir nicht trotz aller Unterschiede für einen Moment Teil von etwas Gemeinsamen werden, sondern wegen.
Und dass eigentliche Wunder des gemeinsamen Singens nicht darin besteht, dass wir einander kennenlernen. Das Wunder besteht darin, dass wir uns verbunden fühlen können, ohne einander zu kennen. Nur mit einem Lied. Mit einem Jodler.
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Maria Kapellari führt im übrigen verschiedene Jodelgruppen in Wien, Maria Anzbach, Hainfeld und Lilienfeld.
Auch die Österreicherin Ingrid Hammer veranstaltet Jodelwochenenden in Wien und Jodelwochen am Dachstein – und in Berlin.
Und wer Jodeln einer blauen Parteifarbe zuordnet, dem sei „Esels Alptraum“ ans Herz gelegt – das Anitkapitalistische Jodelduo.
Denn: Jodeln hat nichts mit Gesinnung zu tun. Jodeln ist einfach nur Jodeln. Weil es schön ist.
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Der Schubs: Vielleicht braucht es nicht immer Meinungen, Haltungen und Worte, um Gemeinschaft entstehen zu lassen. Mit welchen Räumen hast du selbst Erfahrungen gemacht, wo sich Menschen durch das Erleben des gemeinsamen Tuns begegnen können? Wo gibt es Räume, in denen sich die Unterschiedlichkeit zu einem harmonischen Ganzen synchronisiert? Schreibe uns über weitere wortlose Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung jenseits des Singens an dialog@wiewollenwirleben.at.
Oder komm zu unserem Resonanz-Dialog:
12.Oktober, 19.00 Uhr onlineResonanzraum
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