Auf den Spuren Apollos und seiner Musen
Guckloch ins Paradies
Wir können uns auf die Suche nach dem Paradies auf Erden machen. Oder wir können es einfach finden. So wie ich. In der Wartezeit auf den nächsten Bus.
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Das uralte Narrativ
GUTES LEBEN | Seit wann stellen sich Menschen eigentlich die Frage, wie wir leben wollen? Notwendig geworden ist sie jedenfalls mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Da war vorerst einmal Schluss mit dem guten Leben und seither ist Schuld und Sühne und Chaos und kein Ende. Und warten auf das Paradies, in das wieder einzutreten nach unserem Ableben – nur bei Wohlverhalten selbstverständlich – uns versprochen wird. Uraltes Narrativ, immer noch wirksam.
Am Glücksparcours
Wir können uns natürlich auch auf die Suche nach dem Paradies auf Erden machen (vielleicht ist die Erde ja schon das Paradies, wir wissen’s bloß nicht und achten es daher zu wenig). Oder wir können es einfach finden. So wie ich. In der Wartezeit auf den nächsten Bus. In der kleinen Gemeinde Moosburg in Kärnten, die sich als Glücksort definiert hat. Auf der Wiese unter dem hochaufragenden Schloss wurde ein Glücksparcours angelegt. Ich wandere Tafeln mit Portraits und Zitaten berühmter Persönlichkeiten entlang und lese: „Das Glück deines Lebens hängt ab von der Beschaffenheit deiner Gedanken.“ (Marc Aurel, 121 – 180) Oder: „Ich habe ja auch Zeiten, wo ich grundlos glücklich bin.“ (Christine Lavant, 1915 – 1973).
Im Paradiesgarten
Nach einem Caféhaus, einem Baumkreis und dem liebevoll angelegten Kinder- und Jugendspielplatz (inklusive kleiner Half-Pipe) entdecke ich ihn – den Paradiesgarten. Der biedert sich dem Besucher nicht groß an, versteckt sich ein bisschen hinter Büschen. An diesem Montag Vormittag bin ich der einzige, der das Paradies betritt. Eine Götterstatue weist mir den Weg – es ist, wie sich herausstellt, Apollo, der Gott des Lichts, der Künste, der Dichtkunst, der Philosophie, der Heilkunst und der Weisagung. Ihn hat der Künstler Harald Schreiber als Schirmherr dieses Fleckchens Erde gewählt. Im Paradiesgarten deutet er auf eine Gruppe antik gewandeter Frauen, seinem Gefolge – die neun Musen. Oh, wie fühle ich mich wohl in diesem Garten, liebe ich doch die Künste in all’ ihren Formen! Vor allem Melpomene, die Muse der Tragöide, Polyhymnia, die Muse des Gesngs und Kalliope, die Muse der epischen Dichtung.
Auch die Installation im Zentrum dieses Paradieses ist Apollo gewidmet und nennt sich Apollinium. Ich muss mich tief bücken, um in dieses von außen schwarze Objekt zu kommen, dessen vier Wände trichterförmig nach oben streben. Im Bücken lese ich, kreisförmig im Boden eingelassen, die Inschrift des Apollo-Tempels in Delphi: „Erkenne dich selbst.“ Und weitere apollinische Weisheiten: „Du bist“ sowie „Nichts im Übermaß“.
Bin ich im Orakel zu Delphi gelandet, steigen gleich giftige Dämpfe auf, werde ich hellseherische und weisagende Fähigkeiten entwickeln?
Ich richte mich auf. Es wird tatsächlich hell. Die Wände des Trichters sind innen weiß und öffnen sich … zum Himmel. So schaue ich, aufgefordert mich selbst zu erkennen, mein Da-Sein anzunehmen und mit Maß zu leben, nach oben in einen Kosmos voller Möglichkeiten. Alleine, ver- und geborgen und geschützt bin ich in diesem Moment inmitten dieser Skulptur und empfinde mich doch als Teil des großen Ganzen.
Der Weg zum erfüllten Menschsein
Ich muß zurück zur Busstation und vertreibe mich selbst aus dem Paradies. In dieses kann und werde ich wiederkommen. Im Hinausgehen sehe ich den Japanischen Garten und ein Geisterhaus, in dem 600 alte Meister nach Geburtstagen geordnet sind. Das alles weist über die Ursprünge der antiken westlichen Philosophie hinaus, öffnet sich anderen, mindestens ebenso reichen Kulturen. Das hier ist eben nur ein Guckloch ins Paradies. Doch es ist da. In Moosburg. Anderswo. Und zuallerst in uns, wenn wir es denn erkennen.
Später, wieder daheim und mich mit verschiedenen Quellen beschäftigend, finde ich einen Blog-Beitrag des Philosophen Christoph Quarch, der treffend in Worte fasst, was ich hier, in einem Augenblick nur, empfunden habe:
„Die beiden Grundtendenzen unseres Seins finden im dialogischen Geschehen gleichermaßen ihre Erfüllung: Unsere Sehnsucht nach Unverwechselbarkeit, unser Wunsch, sich als Individuum in der Welt zu zeigen, erfüllt sich in der Begegnung mit anderen. Denn wir sind immer einzigartige Wesen und Mitspieler in größeren systemischen Kontexten. Beides zu wissen, beidem gemäß zu leben – das ist der Weg zu einem erfüllten Menschsein: zu einem individuellen zóon politikón*. Das ist die zeitgemäße Antwort auf das alte Wort Apollons: „Erkenne dich selbst“.
- Grundsätzlich handelt der Begriff zóon politikón von einer Bestimmung des „Menschen als soziales und politisches Lebewesen“, wie sie Aristoteles in seinen Werken Politik und Die Seele vorgestellt hat.
Der Schubs
Suche dir doch dein „Guckloch ins Paradies“.
Wo ist das, wie schaut es aus und was eröffnet sich dir da?
Wenn du magst, schreibe uns, was du entdeckt hast.