Zukunftseuphorie jetzt
Ein freudiger, kosmischer Tanz inmitten der Unwahrscheinlichkeit
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Zukunftseuphorie ist eine permanente Übung. Irmgard Stelzer vom TAU-Magazin und Harald Koisser haben dem Soziologen Stefan Selke ein paar Fragen zur Zukunftseuphorie gestellt
Wie fühlt sich Zukunftseuphorie an? Gibt es eine konkrete Geschichte oder einen Moment in deinem Leben erzählen, wo du Zukunftseuphorie erlebt hast?
Zukunftseuphorie – die starke, positive und motivierende emotionale Verbindung zu unseren schlauen Plänen – ist die Mangelware des 21. Jahrhunderts. Deshalb bedeutet Zukunftseuphorie für mich rauschhafte Vorfreude auf Kommendes. Basis dafür ist immer die Zustimmung zur Gegenwart in Form eines Daseins- und Schaffensrausches. Kurz: Das Innere ‚Ja‘ zum äußeren ‚Tun‘. So selten diese euphorisierende Stimmigkeit auch sein mag, so glorreich fühlt sie sich an. Als ich ein altes Reihenhaus kaufte und renovierte, nannte ich es „Villa Schaffensfreude“, weil ich ‚Ja‘ zu einem Lebensmittelpunkt (Dasein) sowie zu neuen Aufgaben (Schaffen) sagen konnte. Das fühlt sich noch immer so an, wie ein Feuerwerk von André Heller, das ich einmal gesehen habe.
Gab es irgendwann einen Moment – oder eine Phase – der Entscheidung für die Ausrichtung auf Zukunftseuphorie in deinem Leben? Was hat dich dazu gebracht?
Zukunftseuphorie sehe ich weniger als einen besonderen Moment, sondern vielmehr als eine ständige Übung in Perspektivwechseln. Damit wird es zu einer Frage der eigenen Haltung, die immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden sollte. Positive Ereignisse, wie die Geburt meines Enkelkindes vor einem Jahr verstärken die Motivation, euphorisch in die Zukunft zu blicken. Aber auch negative Ereignisse können hilfreich sein. Kürzlich wurde ich während eines längeren Auslandsaufenthaltes überfallen. Diese Krise half mir, meine Ziele zu hinterfragen. Die folgende Neuausrichtung stärkte letztendlich meine Aufbruchstimmung.
Braucht Zukunftseuphorie ein Gegengewicht? Welches?
Zukunftseuphorie darf weder als spekulativer Eskapismus noch als ideologische Schrumpfform des Utopischen verstanden werden. Der Rahmen für Zukunftseuphorie sollte vielmehr ein „visionärer Pragmatismus“ sein, die illusionsfreie Anerkennung von Realitäten, gleichzeitig aber auch das mutige Denken darüber hinaus und die Investition in das Kommende. Niemals wird es ausreichen, zu klagen. Stattdessen besteht das Ziel darin, in die widerspenstige empirische Welt hinauszugehen und einen visionären Boulevard der Zukunft zu betreten. Die Zukunft sollte ein Triumpf sein, keine Katastrophe.
Wo beobachtest oder erlebst du in deinem Leben, in deinem Umfeld, in der Welt Zukunftseuphorie oder Ansätze davon?
Ich selbst erlebte den stärksten Schub an Zukunftseuphorie während eines Gastaufenthaltes an einer brasilianischen Universität. Die Studierenden in meinem Seminar brannten unglaublich vor Neugier, Wissbegierde und Engagement. Für sie war Bildung keine Selbstverständlichkeit, sondern die Währung – und die Wette auf eine bessere Zukunft. Diese Studierenden verzauberten mich vollständig, nie empfand ich mehr Sinn in meiner Arbeit. Nach meiner Rückkehr versuchte ich, diesen Impuls euphorisch umzusetzen und in Workshops weiterzugehen – woran ich noch immer arbeite.
Ansonsten sehe ich zwar viel rhetorische Offenheit, gleichzeitig aber auch Verhaltensstarre und gehemmte Strukturen. Hochschulen sind Abklingbecken für Kreativität, Unternehmen machen Mitarbeitern mehr Angst als Freude und Politik gibt sich mit der Reproduktion von Standardwelten und der Verdopplung des Bestehenden zufrieden. Wenn ich Vorträge halte, versuche ich deshalb für mehr Mut zum Aufbruch zu werben, statt weiterhin passiv auf Veränderung zu warten.
Lässt sich Zukunftseuphorie üben?
Zukunftseuphorie und Aufbruch brauchen ständiges Einüben von Perspektivwechseln. Einfach ist das nicht, aber das behaupte ich auch nicht. Ich versuche immer wieder so zu denken, als ob es keinen Teller mehr gäbe. Wer nur „über den Tellerrand hinaus“ denkt, krampft sich viel zu sehr am Bekannten fest und passt sich am Ende angstvoll an. Aufbruch hingegen beginnt da, wo man sich selbst überrascht, anstatt andere zu beeindrucken. Das lässt sich ständig im Alltag üben.
Ansonsten habe ich zwei Quellen, die mich immer wieder zukunftseuphorisch stimmen: Ich bin begeistert von der Vielfalt der Musik, die es in unserer Welt gibt. Und als passionierter Segelflieger liebe ich magische Momente im Himmel. Beides ist kein Zufall, denn Vielfalt und Überblick sind zwei zentrale Gestaltungsprinzipien, die gegen Dogmatismus und Tunnelblick schützen.
Wo wünschst du dir ganz konkret mehr Zukunftseuphorie? Wo siehst du Ansatzpunkte für Aufbruchsstimmung?
Mein berufliches Übungsfeld ist der Bildungssektor. Vor allem Hochschulen sind den Herausforderungen kaum noch gewachsen. Wir leben inzwischen im zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts, lehren und lernen aber noch so wie im 20. oder gar 19. Jahrhundert. Manchmal sind es kleine Dinge, mit denen sich viel verändern lässt: Zusammen mit Studierenden nehme ich z.B. jedes Semester im Rahmen eines Projekts „Be a voice – not an echo!“ kurze euphorische Zukunftsbotschaften auf und produziere Vinyl-Singles für mein „Archiv der Zukunftseuphorie“. In dem Moment, in dem junge Menschen ihre eigene Stimme finden, anstatt sich hinter Zitaten kluger Köpfe zu verstecken, beginnt der Aufbruch.
Was hat uns denn in diese kollektive Depression gebracht? Ich stelle diese Frage, weil ich meine, dass Heilung möglich wird, wenn wir Ursachen erkennen
Metaphorisch gesprochen stehen wir dem ‚Monster der Bodenlosigkeit‘ gegenüber. Dieses Monster haben wir selbst gezüchtet und ihm Namen wie Wachstum oder Fortschritt gegeben. Im Bild der Bodenlosigkeit verbinden sich unterschiedliche Formen sozialer Desintegration, selbstzerstörerische Pathologien ökonomischer Konkurrenz sowie untragbare Folgekosten ökologischer Zerstörung. Daraus resultieren individuelle, kollektive und sogar planetare Erschöpfungssyndrome als Symptom eines gestörten Zugriffs auf die Welt. Unter dem Strich fühlt sich das wie in „Loch im Sein“ an. Heilung gibt es deshalb nur dann, wenn es gelingt, ein neues Gravitationszentrum des Lebens zu finden. Zukunftseuphorie ist dabei nicht das Ziel, sondern ein Katalysator, ein wirksamer Treibstoff für neue Formen der Vergemeinschaftung und Veränderungen.
Wenn es positiv und sinnlich sein soll: was könnte denn Zukunftseuphorie symbolisieren?
Symbole für Zukunftseuphorie kenne (und nutze) ich viele. Ein Beispiel ist die wundervolle Architektur von Oscar Niemeyer, der dazu beitragen wollte, dass Brasilien zu einem Land der Zukunft wird. Ein anderes Beispiel sind zwei Fotos, die die Erde aus der Weltraumperspektive zeigen:
Das Bild „Earthrise“, aufgenommen an Heiligabend 1968 aus einer Apollo-Raumkapsel, zeigt einen „Erdaufgang“ über dem Mondhorizont. Es symbolisiert noch immer den radikalen Perspektivwechsel. Und das sagenhafte Bild „Pale Blue Dot“, das 1990 aus etwa 6 Milliarden Kilometern aufgenommen wurde, zeigt unseren Heimatplaneten aus der bislang größten Entfernung. Zwar ist die Erde darauf nur sehr klein und sehr unscharf zu erkennen (daher der Titel des Bildes). Gleichwohl hilft uns dieses Bild, eine entscheidende Frage zu stellen: Wie sehen wir uns selbst? Als völlig unbedeutend in den unendlichen Weiten das Alls, so, wie das Bild es suggeriert? Ich plädiere für einen radikalen Perspektivwechsel: Unser Leben kann nichts anderes sein als ein freudiger, kosmischer Tanz inmitten dieser Unwahrscheinlichkeit. Genau dieses Gefühl nenne ich Zukunftseuphorie.
Zur Person
Stefan Selkes Motto lautet: ‚Umwege erhöhen die Ortskenntnisse‘. Zunächst studierte er Luft- und Raumfahrttechnik. Nach einem längeren Aufenthalt in Brasilien promovierte er schließlich in Soziologie. Seit 2008 lehrt er als Professor „Soziologie und gesellschaftlichen Wandel“ an der Hochschule Furtwangen (HFU). Zudem ist er Inhaber der Forschungsprofessur „Transformative und öffentliche Wissenschaft“ und leitet das Public Science Lab. Im Kontext der gesellschaftlichen Transformation forscht er zu Utopien, Zukunftstechnologien und Zukunftserzählungen.
Und was meinst Du?
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