Können wir ein gutes Leben führen, ohne der Erde dabei zu schaden?
Die Vermessung des Glücks
Das Glück ist ein Vogerl, besagt ein altes Sprichwort. Soll heißen, es ist unbeständig, flatterhaft, nicht fassbar. Heutzutage läßt sich selbst das persönliche Glück und das eines Staates messen. Fazit: Die Menschen in den „glücklichsten“ Nationen verbrauchen am meisten Ressourcen. Ich will wissen, wie das bei mir ist, mache den Selbsttest und staune nicht schlecht.
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Jenseits des BIP-Wachstums
„Is it possible to live good lives without costing the Earth?“ Diese Frage auf der Website des Happy Planet Index (HPI) gefällt mir. Das HPI-Team geht dieser Frage seit 18 Jahren nach und zeigt auf, welche Länder am erfolgreichsten ein langes, glückliches Leben mit geringem CO2-Fußabdruck haben. (Mir ist bewusst, das dies eine vereinfachte Sicht auf komplexe Dinge ist. Den Blick darauf wage ich dennoch.)
„Keine zwei Wirtschaftssysteme sind genau gleich, aber sie funktionieren alle nach einer ähnlichen Logik: Die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist grundsätzlich gut, weil sie das Wohlergehen und den Wohlstand aller erhöht“, ist auf der HPI-Website zu lesen.
„In Wirklichkeit bedeutet das BIP-Wachstum allein nicht automatisch ein besseres Leben für alle, insbesondere in Ländern, die bereits wohlhabend sind. Es berücksichtigt weder Ungleichheit noch die Dinge, die für die Menschen wirklich wichtig sind, wie soziale Beziehungen, Gesundheit oder die Gestaltung ihrer Freizeit, und vor allem auch nicht die planetarischen Grenzen, mit denen wir konfrontiert sind.“
Was das Wohlbefinden wirklich steigert
Was kann konkret zu mehr Wohlbefinden führen? Hier decken sich die Forschungsergebnisse mit den fünf Maßnahmen, die auf der HPI-Website angeführt und weltweit in öffentlichen Einrichtungen der psychischen Gesundheit häufig eingesetzt werden.
Connect (Verbinde dich)
mit den Menschen in deiner Umgebung. Mit Familie, Freunden, Kollegen und Nachbarn. Zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule oder in Ihrer Gemeinde. Betrachte diese Menschen als Eckpfeiler deines Lebens und investiere Zeit in die Pflege dieser Beziehungen.
Be activ (Sei aktiv)
Gehe spazieren oder joggen. Gehe in die Natur. Fahren Fahrrad. Spiele ein Spiel. Gärtnere. Tanze. Am wichtigsten ist es, eine körperliche Aktivität zu finden, die dir Spaß macht und deinem Mobilitäts- und Fitnesslevel entspricht.
Take notice (Sei aufmerksam)
Sei neugierig. Nimm das Schöne wahr. Achte auf das Ungewöhnliche. Beobachte den Wechsel der Jahreszeiten. Genieße den Moment, egal ob du zur Arbeit gehst, zu Mittag ißt oder mit Freunden sprichst. Nimm deine Umgebung und deine Gefühle wahr. Denke über deine Erfahrungen nach, damit du besser einschätzen kannst, was dir wichtig ist.
Keep learning (Lerne weiter)
Probiere etwas Neues aus. Entdecke ein altes Interesse wieder. Melde dich für einen Kurs an. Übernimm eine neue Aufgabe bei der Arbeit. Repariere ein Fahrrad. Lerne ein Instrument zu spielen oder dein Lieblingsgericht zu kochen. Stelle dir eine Herausforderung, die dir Freude bereitet.
Give (Gib)
Tu’ etwas Nettes für einen Freund oder einen Fremden. Bedanken dich bei jemandem. Lächle. Engagieren dich ehrenamtlich. Trete einer Gemeinschaft bei. Schau nach außen und nach innen. Sich selbst und sein Glück mit der Gemeinschaft verbunden zu fühlen, kann sehr bereichernd sein. Das schafft Verbindungen zu den Menschen um dich herum.
Mein Selbsttest: (K)ein Grund zum Jubeln
Diese Elemente sind auch im persönlichen HPI-Test (in Englisch) eingebaut. Mit meiner üblichen Skepsis solchen Befragungen gegenüber stelle ich mich den 21 Fragen, unter anderem zur Haushaltsgröße und der verwendeten Heizung, wie oft ich mit dem Auto fahre, fliege, zu Fuß gehe, Sport betreibe, was ich esse, wie oft ich Freunde treffe, Neues lerne oder ob ich die kleinen Dinge des Lebens bemerke und mich daran erfreue.
Zweimal innerhalb eines Jahres mache ich den selben Test. Ich bin gesiedelt und will sehen, was sich dadurch eventuell verändert hat. Die Ergebnisse überraschen mich dann doch:
Test 1: Mein persönlicher Happy-Life-Index betrug im Herbst 2025 in Summer aller Faktoren 82,4 und schlägt damit hauchhoch zum Beispiel den des bestbewerteten Landes, das erstaunlich genug, mit 57,9 Vanuatu ist (mehr im Beitrag „Was wir von Vanuatu lernen können“).
Geradezu einen Jubelschrei entlockt mir meine (freilich nur geschätzte) Lebenserwartung von sage und schreibe 98 Jahren! Damit lasse ich selbst den Landessieger Hongkong mit 85,5 Jahren und Österreich mit 84 Jahren weit hinter mir. Hier habe ich offensichtlich mit meinem vegetarischen Lebensstil, regelmäßiger Bewegung, der positiven Lebenseinstellung, meinem zivilgesellschaftlichen Engagement und meiner kreativen Neugierde gepunktet.
Auf den Lorbeeren ausruhen geht aber gar nicht. Mit 5.6 Tonnen pro Jahr liegt mein CO2-Abdruck zwar weit unter dem Durchschnitt der Staaten im DACH-Raum (Deutschland 10,44 t, Österreich 12,15 t, Schweiz gar 15,7 t). Doch laut deutschem Umweltbundesamt müsste der Zielwert deutlich unter einer Tonne CO2 pro Person und Jahr liegen, damit netto-null Emissionen realisiert werden können. Und somit habe ich als Individuum das gleiche Problem wie die wohlhabenden Staaten: Ich lebe sehr gut, doch das kann die Welt kosten …
Neue Energien machen den Unterschied
Der HPI-Test lässt auch deutlich erkennen, woran der hohe Wert bei mir liegt, nämlich an der Wohnung, die demnach zu groß und noch zu wenig mit erneuerbaren Energien beheizt wird. Und genau die Art der Heizung macht den Unterschied, wie Test 2 im April 2026 zeigt. In der neuen Wohnung, die zufällig gleich groß wie die vorherige ist, werden wir nämlich mit Fernwärme aus der Biomasse-Anlage der Stadt Klagenfurt beliefert. Nun sinkt mein CO2-Fußabdruck auf 2,2 Tonnen jährlich, was angeblich einem nachhaltigen Konsumverhalten entspricht aber noch weit entfernt von Null-Emissionen-Wunschwert (siehe oben).
Mein Happy-Planet-Index erreicht jetzt den persönlichen Höchstwert 97. Einer der Gründe? Ich stecke mehr Energien in die Pflege von Beziehungen. Das habe ich aus dem ersten Test, wo hier noch Aufholbedarf war, gelernt.
Interessanter Weise hat meine Lebenserwartung um zwei Jahre abgenommen. Was soll’s, auch mit den nun prophezeiten 96 Jahren bin ich zufrieden. Höchste Zeit mir selbst die Frage zu stellen, wie ich dieses kommende Lebensdrittel mit mir, im Wir und mit der Welt leben will …
Der Schubs:
Schau’ dir noch einmal die fünf Maßnahmen an, die zu mehr Wohlbefinden beitragen können.
- Connect (Verbinde dich)
- Be active (Sei aktiv)
- Take notice (Sei aufmerksam)
- Keep learning (Lerne weiter)
- Give (Gib)
Wo siehst du für dich den größten Handlungsbedarf? Und welchen eleganten ersten Schritt könntest du hier sofort machen?
Schreib’ es auf, damit du dich daran erinnerst. Tue es. Und wenn du magst, sende einen Kommentar, wie es dir erging.