Wie ein altmodischer Begriff für mich neue Bedeutung gewann
Zufriedenheit – die unerwartete Superkraft
Ein Zustand von anspruchsloser bürgerlicher Übersättigung, aus dem nichts Neues entstehen kann? Oder eines der stabilsten Gefühle für ein erfülltes, gesundes, langes Leben? (M)Eine Annäherung an die Zufriedenheit.
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Wenn meine Mutter auf die Frage, wie es ihr gehe, mit „ich bin zufrieden“ antwortete, wußte ich, dass im Großen und Ganzen alles in Ordnung war. Dabei mißtraute ich dem Wort „zufrieden“ immer. Es schien mir zu klein für das, was ich als jüngerer Mensch vom Leben wollte, schien den Drang zu bremsen, etwas in der Welt bewirken und gelten zu wollen. Ein Zustand von anspruchsloser bürgerlicher Übersättigung, aus der nichts Neues entstehen kann, dachte ich lange. Und doch … dieses kleine Wort hat für mich mit fortschreitendem Alter und im Rückblick auf meine Mutter an Bedeutung gewonnen. Wie ich durch Recherchen für diesen Beitrag inzwischen weiß, drückt es in Kurzform aus, was Wissenschafter*innen als eines der stabilsten Gefühle für ein erfülltes, gesundes, langes Leben bezeichnen.
Die Zustände des Wohlbefindens
Der Psychologieprofessor Philipp Mayring, der auch an der Universität Klagenfurt lehrte, kam nach Sichtung der einschlägigen Literatur zur folgenden Beschreibungen für verschiedene Zustände des Wohlbefindens:
Freude ist ein starkes Gefühl, das meist als Reaktion auf eine angenehme Situation auftritt. Freude ist eher kurzfristig, wir fühlen uns lebendig und vital.
Glück steht für das intensivste Wohlbefinden, das Menschen kennen und ergreift die ganze Person. Es hält zwar länger an als Freude, aber kürzer als Zufriedenheit. Glück strahlt auf andere ab, macht aufgeschlossener. Oft steht es in Zusammenhang mit Dingen, die über die eigene Person hinausgehen – wir erleben Glück in sozialen Situationen oder im Einklang mit der Natur.
Zufriedenheit ist das stabilste gute Gefühl. Sie ist ein ruhigerer Gefühlszustand als Freude und Glück, wirkt eher im Hintergrund des Erlebens. Zufriedenheit basiert auf einer positiven Grundstimmung, auf grundlegender Lebensbejahung. Sie ist kognitiv geprägt, tritt als Ergebnis von Denkprozessen wie dem Vergleichen und Abwägen auf. Zufriedenheit beinhaltet Ich-Erweiterung und -Überwindung.
Alle Seiten des Lebens akzeptieren
In einem Forschungsprojekt in den USA fand ein Team rund um die Wissenschafterin Yang Bai heraus, dass sich Zufriedenheit in gewisser Weise von anderen Emotionen unterscheidet. Im Allgemeinen fühlen sich zufriedene Menschen weniger „aktiviert“ (d. h. sie sind eher ruhig als aufgeregt), leben stärker in der Gegenwart und haben weniger Verlangen nach materiellen Dingen als Menschen, die andere Emotionen empfinden. „Im Vergleich zu anderen positiven Emotionen lässt Zufriedenheit uns selbst besser akzeptieren“, sagt Bai und fügt hinzu: „Sie kann uns die Kraft geben, die guten und schlechten Seiten unseres Lebens anzunehmen. Damit ist Zufriedenheit nicht bloß eine geringere Form des Glücks. Es handelt sich dabei offenbar um eine ‚magische‘ Emotion mit einer unerwarteten Superkraft.“
Da steckt Frieden drin
Wow, diese unterschätzte Superkraft, gilt es wohl auch in unseren Breiten erst richtig zu entdecken. Buddha soll gesagt haben: „Gesundheit ist das größte Geschenk, Zufriedenheit ist der größte Reichtum.“ Was den Begriff zusätzlich wichtig macht: Es steckt der Wort Frieden drin und das bedingt, mit mir und der Welt in Frieden zu sein, wie immer die Umstände gerade sein mögen. Der antike griechische Schriftsteller und Philosoph Plutarch meinte: „Ein angenehmes und heiteres Leben kommt nie von äußeren Dingen, sondern der Mensch bringt aus seinem Inneren, wie aus einer Quelle, Zufriedenheit in sein Leben.“
Und wie ist das mit der Unzufriedenheit?
Bei soviel Lob der Zufriedenheit ist es Zeit, den Gegenpol Unzufriedenheit ins Spiel zu bringen. Ist es etwa so, wie Leo Tolstoi meinte: „Unzufriedenheit mit sich selbst bildet ein Grundelement jedes echten Talents“? Oder ist sie nach Oscar Wilde gar der erste Schritt zum Erfolg? Ich halte es eher mit Bertold Brecht: „Zorn und Unzufriedenheit allein genügen nicht, so etwas muss praktische Folgen haben.“ Also kommen wir auch bei unserer Unzufriedenheit nicht umhin, bei uns selbst zu beginnen und nicht die Schuld im Außen zu suchen. Bleibt oder steigert sich die Unzufriedenheit mit sich selbst oder wie immer gearteten Umständen, heißt es raus aus dem Gedankenkarusell, raus aus der Couch und die Ärmel hochkrempeln. Wie das geht, dafür haben wir auf dieser Plattform viele Beispiele und gleich hier einen passenden Schubs. …
Der Schubs
Schreibe jeden Abend „drei gute Dinge“ auf, die dir während des Tages begegnet sind. Achte besonders auf die sogenannten kleinen Begebenheiten, die dein Leben bereichert haben – ein Lächeln, ein wärmender Sonnenstrahl, ein Dankeschön. Du kannst über jedes dieser Erlebnisse kurz reflektieren und nachdenken, warum sie gut gelaufen sind. Entwickelt wurde die Methode Three Good Things, abgekürzt 3TGT, von Martin Seligman, der auch als Vater der positiven Psychologie bezeichnet wird. Er empfiehlt diese Übung eine Woche lang jeden Tag vor dem Schlafengehen in einem entspannten Zustand zu machen.
Herausforderung angenommen? Dann lasse mich nach deiner 3TGT-Woche gerne via Kommentar an deinen Erfahrungen teilhaben.