Beispiele für gelebte Partizipation
Wie Begegnung auf Augenhöhe gelingen kann
Das Wort, dass wir in der Vorbereitung dieses Projektes wahrscheinlich am meisten benutzt haben, ist ein Zungenbrecher. Ein Fremdwort. Ein Modewort. Es handelt sich um Partizipation. Was steckt dahinter? Und wie gelingt es, (selbst)wirksam zu werden?
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Beteiligt euch!
Der Begriff Partizipation leitet sich aus dem lateinischen „participatio“ ab und bedeutet heute wie damals: Beteiligung, Teilnahme, Mitwirkung, Mitbestimmung. Sehr basal wird darunter das Teilhaben an gesellschaftlichen und politischen Prozessen und Entscheidungen verstanden.
Synonym zur Partizipation wird sehr oft der Begriff „Bürger:innenbeteiligung“ oder „Bürgerräte“verwendet. In einem engeren Sinn ist damit die Beteiligung von Bürger:innen als Einzelpersonen oder in Form von Bürger:inneninitiativen an einem Vorhaben gemeint, um ihre Interessen einzeln oder als Gruppe einzubringen. Diese Website ist ein guter Einstieg in das Thema – vom Basiswissen über Methoden und praktische Beispiele bis zu aktuellen Terminen in Österreich. Die Initiative Mehr Demokratie setzt sich in Deutschland und Österreich seit Jahrzehnten für Bürgerbeteiligung und Transparenz ein und informiert ebenfalls entsprechende Termine.
Mit unserer Plattform „Wie wollen wir leben“ möchten wir euch anregen, zu Beteiligten, Teilhabenden, Mitwirkenden und Mitbestimmenden zu werden. Hier online und in den Dialogräumen, die wir und ihr veranstaltet. Die Berichte darüber und die Erkenntnisse, wie wir jetzt unsere Zukunft aktiv gestalten können, werden einen Schwerpunkt auf wiewollenwirleben.at ausmachen. Bringt euch gerne ein! Die Welt braucht uns ganz not-wendig.
Im Folgenden sind drei Geschichten von bzw. über Menschen zu lesen, die Partizipation bereits auf ihre Weise in ganz unterschiedlichen Bereichen leben und fördern.
Erfahrungen am Runden Tisch
Warum ein einfaches Format Räume für echte Begegnung öffnen kann, erklärt hier Roswitha Pietrowski, Trainerin für Lebenskompetenz.
„Der Runde Tisch ist für mich ein Raum der Eigenverantwortung. Er entsteht dort, wo Menschen sich freiwillig zusammenfinden – ohne Auftrag, ohne Bezahlung, ohne Erwartung an eine Gegenleistung. Menschen kommen zusammen, weil sie etwas teilen möchten, weil sie zuhören wollen oder weil sie spüren, dass es gut tut, gemeinsam da zu sein.
Diese Art von Miteinander begleite und lebe ich seit vielen Jahren. Seit über 35 Jahren gestalte ich Räume, in denen Zuhören, Gleichwertigkeit und gegenseitiger Respekt im Mittelpunkt stehen. Lange bevor es dafür ein sichtbares Format gab, war diese Haltung bereits Teil meines Weges.
Den Runden Tisch selbst habe ich später kennengelernt – in Ruden on Kärnten bei Alex Samy. Ich war sofort Feuer und Flamme für diesen Tisch. Rund, bunt, mit einem Loch in der Mitte. Die Form allein erzählt schon viel: Gleichwertigkeit, kein Vorne, kein Hinten.
Das Loch in der Mitte ist ein gemeinsamer Raum. Dort landen Gedanken, Erfahrungen, Beiträge. Jede und jeder nimmt sich heraus, was gerade passt – oder lässt es liegen.
Aus dem Kennenlernen wurde Erleben. Und aus dem Erleben heraus fand diese Haltung ein Symbol und ein einfaches Format. Der Runde Tisch begann, Teil meines Alltags zu werden. Meine Erfahrungen aus der Gewaltfreien Kommunikation fanden darin ihren Platz – leise, ohne Methode.
In den vergangenen etwa fünf Jahren entstand dieser Rahmen über 50 mal neu. Jeder der Runden Tische, zu denen ich eingeladen habe, war anders. Und doch blieb etwas gleich: die Haltung im Miteinander.
Mir war dabei immer wichtig, dass der Runde Tisch keine Methode ist und kein festes Programm braucht. Das Format ist lediglich eine Verabredung darüber, wie wir zusammensitzen und einander begegnen. Als Gastgeberin halte ich den Raum so, dass sich jede und jeder beteiligen kann, aber nicht muss. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, kein Bewerten, kein Korrigieren.
Diese Haltung übe ich nicht nur am Runden Tisch, sondern auch im Alltag. Für mich gibt es darin keinen Unterschied. Zuhören, ohne zu unterbrechen. Sprechen können, ohne kritisiert zu werden. Den anderen so stehen lassen, wie er oder sie gerade ist.
Nicht immer gelingt mir das. Und das gehört auch dazu. Der Runde Tisch ist kein Ort der Perfektion, eher ein Raum des Übens. Wenn es gelingt, ist das wunderbar. Und wenn nicht, ist auch das Teil des Lernens und des Menschseins.
Inzwischen ist aus diesem gemeinsamen Erleben heraus mehr entstanden. Menschen, die an einem Runden Tisch teilgenommen haben, sind selbst Gastgeberinnen und Gastgeber geworden. Nicht, weil sie etwas gelernt hätten, sondern weil sie die Haltung erfahren haben und sie weitertragen wollten – in ihre eigenen Lebens- und Arbeitsbereiche.
Denn letztlich geht es nicht um den Tisch selbst. Er ist ein Symbol. Entscheidend ist die Haltung dahinter – und die Frage, wie wir sie im Alltag leben. In Familien, in Nachbarschaften, in Gruppen, in Organisationen.
Für mich steht der Runde Tisch genau dafür: für einen Raum, in dem Menschen sich als gleichwertig erleben können. Ohne Anleitung, ohne Bewertung, ohne „richtigen Weg“. Nur Augenhöhe, Zuhören, Miteinander – und Raum geben.“
Roswitha hat mit mir (Harald Schellander) ein Handbuch zum Runden Tisch geschrieben – als Einladung, dieses Format selbst auszuprobieren.
Wohnzimmer der Gesellschaft
„Man muss den vernünftigen und klugen Menschen nur die Räume bereitstellen, in denen sie analog reden, debattieren, Pläne machen, streiten oder einig sein können. Und sich gut fühlen können, weil sie sich vergewissern, Teil einer gemeinsamen Wirklichkeit zu sein.“
Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat mit der Stiftung futurzwei und der taz die Initiative Wohnzimmer der Gesellschaft gegründet. So nennen die Finnen die Bibliothek Oodi in ihrer Hauptstadt Helsinki. Das ist ein Ort, in dem man nicht nur Bücher ausleihen, sondern kochen, Videos drehen, Dinge reparieren, Musik machen und sich ohne jeden Anlass treffen kann. Am Eingang weist ein Schild auf die Funktion hin: „Jeder hat das Recht, in der Bibliothek zu sein. Herumhängen ist erlaubt, ja sogar erwünscht. Rassismus und Diskriminierung haben in dieser Bibliothek keinen Platz. Oodi ist unser gemeinsames Wohnzimmer.“
Im Dezember 2025 startete futurzwei einen Aufruf. Initiativen, die sich schon als ein Wohnzimmer der Gesellschaft empfinden, sollten sich melden. Inzwischen gibt es eine Landkarte mit über 500 Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die für sich in Anspruch nehmen, solche Räume zu sein. Als südlichstes „Wohnzimmer“ des DACH-Raumes ist zum Beispiel der MiMa-Mitmachmarkt in Klagenfurt zu finden, mittendrin in München jede Menge (Stadt)Bibliotheken, ganz westlich das Berner Generationenhaus und ganz nördlich die blaupause, das Transformationszentrum Flensburg.
Bürgerrat zur Rückverteilung
Marie Engelhorn hatte über 25 Millionen Euro geerbt und sich entschlossen, diese mithilfe eines Bürgerrates, genannt der Gute Rat, rückzuverteilen. Im Abschlussbericht vom Oktober 2024 findet sich folgendes Statement von ihr:
„manchmal schaffen wir viel, manchmal fast nichts, außer das letzte bisschen durchhalten. aber es ist noch nicht vorbei. wir stehen auf den schultern derer, die uns das jetzt erstritten haben und wir teilen unsere schultern mit denen, die nach uns in die konflikte gehen werden. ich bin vielleicht nicht unentbehrlich, aber ich bin auch nicht allein. und dieses teilen ist jede verdammte mühe wert.”
Aktueller Termin: Bürgerrat in Wien
Die Gemeinwohl-Ökonomie Österreich führt für die Stadt Wien einen Bürgerrat mit 35 Menschen durch, die vom Wahlrecht ausgeschlossen sind und bereits mehrere Jahre in Wien leben (das sind 35 Prozent der Bewohner*innen). Ziel des Projekts ist es, dass der politische Wille dieser Gruppe sichtbar wird. Der dreitägige Beteiligungsprozess findet 26.09., 10.10. und 24.10.2026 jeweils von 9 bis 16 Uhr statt. Hier geht’s zu weiteren Informationen und zur Anmeldung.
Der Schubs:
Vor deiner Haustüre gibt es vermutlich ein paar Initiativen und Organisation, die sich offene Räume für das Miteinander und Möglichkeiten zur Mitarbeit anbieten. Was spricht dich an, wo magst du dich einbringen? Geh’ hin und probier’s aus. Und/oder werde selbst aktiv!
Ich freue mich, wenn du uns an deinen Erfahrungen teilhaben lässt und einen Kommentar verfasst.